Dienstag, 12. September 2017

Silberer, Renate: Das Wetter hat viele Haare


Eine Beziehung eskaliert, ein Kind wird geboren, eine Spurensuche beginnt: 11 Erzählungen kreisen um die Familien- und Lebensgeschichten der zwei Paare Annemarie und Manfred, Hanni und Karli. Realistische, oft auch traumhafte Momentaufnahmen beleuchten Aspekte ihrer Biografien und folgen den Spuren der Erinnerung. Die Geschichten gleichen Mosaiksteinen: Sie zeigen die Figuren in unterschiedlichen Konstellationen ihres Lebens, erzählen von innerem Aufruhr, ihrem Scheitern, ihrem Aufbegehren und bewegenden Ereignissen. Am Ende entsteht ein neues Bild, zusammengesetzt aus den Splittern der Vergangenheit.

In ihrem Prosadebüt zeigt Renate Silberer ihr breites Repertoire an Erzählweisen. Dialogreiche Passagen wechseln sich ab mit lyrischen, oft surrealen Szenerien. Die Wirklichkeit ist dann nur mehr in Andeutungen zu erkennen, doch entfaltet sich dadurch eine eigene Welt, die es ermöglicht, tief in die Seele ihrer Figuren einzudringen.


(Klappentext Kremayr & Scheriau)

  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
  • Verlag: Kremayr & Scheriau; Auflage: 1 (17. August 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3218010810
  • ISBN-13: 978-3218010818













LEBEN IN SPLITTERN...




Ich lasse mich immer wieder gerne auf Neues und Unbekanntes ein, und da mir hier das Cover (das Weltall in Scherben oder Splittern) sehr gefiel und der ungewöhnliche Titel mich neugierig machte, freute ich mich, als ich die Möglichkeit erhielt, hier mitzulesen. Der Klappentext sowie die Leseprobe zeigten mir bereits, dass mich der Schreibstil von Renate Silberer sehr ansprechen würde.

11 Erzählungen erwarten den Leser hier, erzählt aus wechselnden Perspektiven - Geschichten von Paaren, Kindheitserinnerungen, Freundschaften, gescheiterten Beziehungen, Krisen. So unzusammenhängend, wie die Erzählungen zunächst erscheinen, hängen sie auf eine besondere Art dennoch zusammen. Denn die Personen tauchen in verschiedenen Konstellationen immer wieder auf, als Geschwister, als Freunde, als Paare, als Eltern. Und erzählen Splitter ihrer Vergangenheit, treffen sich in ihren Erinnerungen. Ein gemeinsamer Nenner ist, dass hier jeder irgendwie unglücklich und unvollständig ist, auf der Suche, in psychischen und emotionalen Ausnahmezuständen. Jeder ist vereinzelt und wird von den anderen nicht wahrgenommen, nicht gesehen, nicht gehört, oft auch nicht ernst genommen.

Die Art der Erzählung variiert dabei von Kapitel zu Kapitel teilweise ganz erheblich. So waren meine Empfindungen zu den einzelnen Erzählungen auch ganz unterschiedlich. Im ersten Kapitel beispielsweise war ich sehr angetan von dem Schreibstil. Nicht anklagend oder voller Selbstmitleid, was die Schilderung der Schicksale anbelangt, und doch kam etwas Dunkles, Schweres rüber. Verknappt wirkte hier die Erzählung auf mich und doch schwang auch vieles zwischen den Zeilen mit. Und manche Sätze wirkten auf mich sehr poetisch und ansprechend:


"Umgeben von Mutterhaut und Knochen blickte ich auf ihren Mund (...) Alles die Mutter, ich konnte mich nicht in ihr finden." (S. 11)


Andere Kapitel waren dagegen eher verwirrend für mich. Dort domnierten dann abgebrochene und unvollständige Sätze, Reales vermischte sich mit Traumartigem und Surrealem, oftmals geriet der Text sehr symbolbefrachtet, aber auch unverständlich, z.T. selbst für den erzählenden Hauptcharakter. So etwas überfordert mich, und ich fühle mich dabei eher unwohl als dass ich die Schreibkunst oder die möglicherweise ausgefeilte Symbolik bewundern könnte. Wenn Texte zu symbolbefrachtet sind, das Surreale überhand nimmt und alles nur noch eine Frage der Interpretation wird, verliere ich persönlich ein wenig die Freude am Lesen. Zwischenzeitlich hatte ich dementsprechend zunehmend Schwierigkeiten mit dem Buch.

Gegen Ende konnte ich mich mit dem Erzählband aber wieder versöhnen. Es gab dort kaum noch surreale Szenen, die Sätze wurden vollständiger, das Geschehen zunehmend in der Realität verankert. Die lyrischen Passagen haben mir dabei besonders gefallen.

Renate Silberer zeigt in ihrem Prosadebüt eine große Experimentierfreude. Je nach Gemütszustand passt sie die Erzählweise an, die die Gedankenwelt so im Grunde spiegelt. Eine interessante Mischung, die mich allerdings nicht durchgängig begeistern konnte.


© Parden





Der hier gelesene Text ist auch Bestandteil des o.g. Erzählbandes...







Kremayr & Scheriau schreiben über die Autorin:

Renate Silberer, 1975 in Braunau/Inn geboren, lebt in Linz. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften war sie als Feldenkraislehrerin in freier Praxis tätig. Ihre Texte wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien (kolik, Jahrbuch der Lyrik, etc.) veröffentlicht. Sie erhielt mehrere Preise und Stipendien, u.a.: Start-Stipendium des BMUKK, Projektstipendium des BKA, Förderungsstipendien der Stadt Linz und des Landes Oberösterreich, Finalistin beim Literaturpreis Floriana. „Das Wetter hat viele Haare“ ist ihr erstes Buch, für eine frühere Fassung der Erzählung „Konrads Umkehrversuch“ erhielt sie den Rauriser Förderungspreis.

übernommen von Kremayr & Scheriau


Montag, 11. September 2017

Hurwitz, Gregg: Orphan X


1. Gebot: Keine voreiligen Schlüsse

Das schwarze Satellitentelefon klingelt. Am anderen Ende ist ein Mädchen, das von einem korrupten Cop verfolgt wird. Evan Smoak wird ihr helfen.

4. Gebot: Es ist nie persönlich

Evan ist ein Absolvent des Orphan-Programms, in dem Waisenkinder zu hocheffizienten Killern ausgebildet wurden. Nach Jahren des Mordens für die Regierung ist er in den Untergrund gegangen. Er hilft nun den Verzweifelten, die nicht zur Polizei gehen können. Dabei hält er sich strikt an seine eigenen Gebote. Doch diesmal muss er gegen eine Regel nach der anderen verstoßen, damit die allerwichtigste unangetastet bleibt:

10. Gebot: Lasse niemals einen Unschuldigen sterben


(Klappentext HarperCollins Verlag)


  • Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
  • Verlag: HarperCollins; Auflage: 1 (10. März 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Mirga Nekvedavicius
  • ISBN-10: 3959670249
  • ISBN-13: 978-3959670241
  • Originaltitel: Orphan X
  • Reihe: Evan Smoak (Bd. 1)






Ich danke dem HarperCollins Verlag ganz herzlich für die Zusendung dieses Rezensionsexemplars!







DIE GEBOTE DES KILLERS...



Evan Smoak - so heißt er jedenfalls heute - ist einer der weltweit am meisten gesuchten Menschen. Doch niemand kennt seinen Namen, sein Gesicht oder seinen Aufenthaltsort, denn er operiert unsichtbar. Evan ist einer der gefährlichsten Killer der Welt, ausgebildet in einem geheimen Programm der Regierung für ganz besondere Aufträge jenseits der Legalität. Bereits mit 12 Jahren geriet Evan als Waisenkind in die Fänge des Orphan-Programms, dessen harte Schulung er durchlief, bevor er begann, im Auftrag der Regierung zu morden. Doch irgendwann begannen Zweifel in Evan zu wachsen an der Richtigkeit seines Handelns, und letztlich beschloss er, das Orphan-Programm zu verlassen. Auf der Flucht vor seinen ehemaligen Auftraggebern lebt Evan seither im Untergrund.

Auch heute noch profitiert der ausgebildete Killer von seiner harten Lehrzeit und den gesammelten Erfahrungen, denn Evan nimmt auch jetzt noch Aufträge an. Doch statt für die Regierung arbeitet er nun für absolut verzweifelte Menschen, die die Polizei aus welchen Gründen auch immer nicht um Hilfe bitten können und sonst keinen Ausweg mehr sehen. Nach eingehender Prüfung regelt Evan das Problem für sie und folgt dabei seinen ganz eigenen Geboten wie z.B. "Ziehe keine voreiligen Schlüsse" oder auch "Es ist nie persönlich", vor allem aber "Lasse niemals einen Unschludigen sterben". Als Bezahlung für seine besonderen Dienste verlangt Evan einzig und allein, dass der erlöste Auftraggeber nach erfolgreichem Abschluss einem anderen Verzweifelten die Nummer von Evan gibt, damit die Kette nicht abreißt.


"Finde jemanden, der mich braucht. Gib ihm meine Nummer: 1-855-2-NOWHERE." - "Die weiß ich doch noch. Klar weiß ich die noch." - "Es ist egal, wie lange du dafür brauchst. Wichtig ist nur, dass du jemanden findest, der in einer genauso ausweglosen Situation ist, wie ihr es wart. Erzähl ihm von mir. Sag ihm, dass ich am anderen Ende der Leitung auf ihn warte." - "Das ist alles?" - "Das ist alles." - "Mehr verlangen Sie nicht?" - "Gib meine Nummer nur einer Person. Nur einer. Anschließend vergisst du sie wieder. Dies ist ein einmaliger Service, nicht die Telefonseelsorge."



Evan geht bei allem überaus vorsichtig und umsichtig zu Werke. Er hat mehrere Wohnungen, in die er sich zurückziehen kann, verschiedene Autos, die er ständig wechselt, und ein ganzes Arsenal an Waffen sowie die neuesten technischen Errungenschaften. Zudem ist er bestens in allen Kampftechniken bewandert, verfügt über beneidenswerte Reflexe und über die Fähigkeit der Konzentration selbst im Auge des Sturms. Evan ist auf alles vorbereitet, so dass ihn nichts und niemand überraschen kann - so hofft er jedenfalls. Doch irgendwann beginnt es  gewaltig schief zu laufen. Da wächst nicht nur plötzlich die Zahl derjenigen, die dringend Evans Hilfe benötigen, sondern mit jedem Schritt, den er tut, häufen sich die Anzeichen, dass da jemand mit viel Einfluss hinter ihm her ist. Da wird aus dem Jäger plötzlich ein Gejagter, und ein Katz- und Mausspiel der besonderen Art nimmt schließlich seinen Lauf. Wer auch immer ihn verfolgt - er ist Evan ebenbürtig. Wem kann er überhaupt noch vertrauen?

Schon lange war ich neugierig darauf, endlich einmal ein Buch von Gregg Hurwitz zu lesen, und als ich die Möglichkeit erhielt, mit Orphan X den Beginn einer neuen Reihe kennenzulernen, schlug ich begeistert zu. Obschon ich Action-Thrillern nicht unbedingt zugeneigt bin, konnte mich dieser Reihenauftakt doch positiv überraschen. Zwar drängten sich beim Lesen zeitweise Superheld-Gedanken auf, doch thematisiert Hurwitz dies z.T. selbst mit einem kräftigen Augenzwinkern. Und dass der Autor neben seinen Thrillern auch Drehbücher für Hollywood-Studios schreibt, lässt sich auch in diesem Buch merken - viele Szenen waren nahezu filmreif und entsprechend spannend.

Evan selbst ist nicht nur die Killermaschine, die er zunächst zu sein scheint, sondern trägt auch die leise Melancholie des einsamen Wolfes mit sich herum und kann tiefe Züge von Mitmenschlichkeit nicht leugnen. Diese Widersprüchlichkeit macht den Charakter so interessant, und wenn man die Idee eines Superhelden erst einmal zulässt, macht das Lesen einfach nur noch Spaß. In einzelnen Kapiteln gewährt Hurwitz zudem einen Rückblick auf die Vergangenheit Evans, auf seine harte Ausbildung zum Killer der Regierung und auf seinen Ausbilder Jack, der fast zu etwas wie einer Vaterfigur für Evan wurde.

Die meist nur wenige Seiten langen Kapitel sind jeweils passend betitelt - zunächst lässt sich mit dem Titel nichts anfangen, doch später findet er sich stets wortgenau im Text wieder und erschließt so seinen Sinn, was mir gut gefallen hat. Der flüssige Schreibstil, die bildhafte Sprache und die kurzen Kapitel, die zudem teilweise noch mit einem Cliffhanger enden, lassen die Seiten nur so vorbeirauschen, wozu die spannende Handlung natürlich auch ihren Beitrag leistet. Bis zur letzten Seite ist man vor Überraschungen nicht sicher, und tatsächlich klappte mir am Ende der Unterkiefer noch einmal richtig herunter.

Einen überaus gelungenen Auftakt zu der neuen Reihe hat Gregg Hurwitz hier abgeliefert. Spannend, unterhaltsam, humorvoll, durchdacht und filmreif - mit einem Wort: empfehlenswert!


© Parden















Der HarperCollins Verlag schreibt über den Autor:

Gregg Hurwitz schreibt neben Thrillern Drehbücher für die großen Hollywood-Studios sowie Comicbücher für so prestigeträchtige Verlage wie Marvel (Wolverine, Punisher) und DC (u.a. Batman). Mit seinen Büchern hat er den Weg auf die New York Times-Bestsellerliste gefunden und seine 15 Thriller sind mittlerweile in 22 Sprachen übersetzt worden.

übernommen vom HarperCollins Verlag

Sonntag, 10. September 2017

Ahern, Cecelia: Perfect - Willst du die perfekte Welt? - Hörbuch


Celestine wurde als »fehlerhaft« gebrandmarkt, sie gehört nun zu den Menschen zweiter Klasse. Doch statt sich den strikten Regeln des Systems zu unterwerfen, flieht sie. Denn Celestine ist auch ein Symbol der Hoffnung für alle anderen Fehlerhaften. Gelingt es ihr, den grausamen Richter Crevan zu überführen? Das wäre die Chance auf einen Neuanfang für die Fehlerhaften. Aber gibt es auch für ihre große Liebe eine neue Chance? Für Celestine geht es um alles – um Gerechtigkeit für sich selbst und alle anderen und um eine lebenswerte Zukunft.

(Klappentext argon hörbuch Verlag)


  • Spieldauer: 10 Stunden und 46 Minuten
  • Format: Hörbuch-Download
  • Version: Ungekürzte Ausgabe
  • Verlag: Argon Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Anna Julia Strüh & Christine Strüh
  • Sprecher: Merete Brettschneider
  • Audible.de Erscheinungsdatum: 17. November 2016
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01M35YWOP










WEM KANNST DU VERTRAUEN?



Zur Erinnerung: Schwarz und Weiß - in diese Kategorien ist die Welt aufgeteilt, in der die inzwischen 18-jährige Celestine lebt. Lässt man sich nichts zuschulden kommen, gehört man zu den Perfekten, doch ein Fehltritt reicht, um vor die Gilde gezerrt zu werden, die über die moralische Unfehlbarkeit der Gesellschaft wacht. Einmal verurteilt, wird man mit einem großen 'F' gebrandmarkt, das je nach Vergehen eine andere Körperstelle markiert. Nach einer Lüge wird das Brandeisen auf die Zunge gedrückt, fehlerhaftes Denken führt zu einem 'F' auf der Schläfe, ein Diebstahl zu einem Brandmal auf der Handinnenfläche. Seit einer Handlung aus dem Bauch heraus gehört Celestine zu den Fehlerhaften, gesellschaftlich geächtet und einer Vielzahl von Repressalien ausgesetzt.

Nach dem spannenden Ende des ersten Teils war ich froh, dass ich den zweiten und damit letzten Teil der Dystopie bereits hier liegen hatte. Es erweist sich, dass es nicht einfach ist, als Fehlerhafter auf der Flucht zu sein. Ständig bringt Celestine so nicht nur sich, sondern auch diejenigen in Gefahr, die ihr helfen wollen. Die Gilde will das Mädchen unbedingt wieder in ihre Fänge bekommen, allen voran Richter Crevan, der seine Grausamkeit bereits unter Beweis gestellt hat. Celestine will zunächst nur ihre Ruhe, einen Ort der Sicherheit, an dem sie die Geschehnisse verarbeiten und sich überlegen kann, wie sie ihr Leben zukünftig gestalten will. Doch immer wieder wird sie aufgespürt und muss sich entscheiden, ob sie die zunehmenden Bestrebungen einzelner Gruppierungen unterstützen will, die sich gegen die Gilde und das bestehende System wenden wollen.

Viele bekannte Charaktere begegnen dem Hörer hier in Band zwei, aber es kommen auch einige neue Gesichter hinzu. Insgesamt hat Cecilia Ahern die Personen authentisch und glaubhaft ausgestaltet und agieren lassen, allen voran Celestine, die oftmals nicht weiß, wem sie trauen kann und will und wer sie aus welchem Grund auch immer vor seinen eigenen Karren spannen will. Doch sie merkt, dass sie selbst zunehmend stärker wird und dass der Kampf gegen die Gilde vielleicht tatsächlich eine realistische Möglichkeit ist.

Die Spannung bleibt hier im zweiten Teil der Dilogie fast durchgehend hoch. Immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen und unvermuteten Handlungen, die dem Mix aus Gesellschaftskritik, Verfolgung, Machtgeilheit, Verrat, Zivilcourage, Liebe, Zusammenhalt und der Frage, wer man eigentlich sein will, die besondere Würze geben.

Der Schreibstil ist flüssig und der jugendlichen Zielgruppe angemessen, und für mich erfreulicherweise kommt das für Cecilia Ahern so typische Thema 'Liebe' hier nur am Rande zu tragen. Merete Brettschneider liest das ungekürzte Hörbuch (10 h 47 min) gekonnt und passend zum Charakter der Celestine, aus deren Ich-Perspektive das Geschehen erzählt wird.

Das Ende war mir persönlich ein wenig zu weichgespült, passt damit aber wohl in das Konzept eines Jugendbuchs. Insgesamt jedoch war diese zweibändige Dystopie für mich tatsächlich ein großer Hörspaß und bekommt daher von mir eine klare Hörempfehlung.


© Parden














Bildergebnis für cecelia ahern
Der argon hörbuch Verlag schreibt über die Autorin:

Cecelia Ahern ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der Welt. Mit 21 Jahren schrieb sie ihren ersten Roman, der sie sofort international berühmt machte: P.S. Ich liebe Dich, verfilmt mit Hilary Swank. Danach folgten Jahr für Jahr weitere Bestseller.

übernommen vom argon hörbuch Verlag

 


Der argon hörbuch Verlag schreibt über die Sprecherin:

Merete Brettschneider hat bereits Romane von u.a. Cecelia Ahern, E. L. James und Jennifer L. Armentrout eingelesen. Mit ihrer hellen, ausdrucksstarken Stimme beherrscht sie sowohl ruhige als auch dynamische Töne.

übernommen vom argon hörbuch Verlag

Samstag, 9. September 2017

Ahern, Cecelia: Flawed - Wie perfekt willst du sein? - Hörbuch


Celestines Leben scheint perfekt: Sie ist schön, bei allen beliebt und hat einen tollen Freund. Doch dann handelt sie in einem entscheidenden Moment aus dem Bauch heraus. Und bricht damit alle Regeln. Sie könnte im Gefängnis landen oder gebrandmarkt werden – verurteilt als Fehlerhafte. Denn Fehler sind in ihrer Welt nicht erlaubt. Nichts geht über die Perfektion. Auch nicht die Menschlichkeit. Jetzt muss sie kämpfen – um ihre eigene Zukunft und um ihre große Liebe.

(Klappentext argon hörbuch Verlag)

  • Spieldauer: 11 Stunden und 31 Minuten
  • Format: Hörbuch-Download
  • Version: Ungekürzte Ausgabe
  • Verlag: Argon Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Anna Julia Strüh & Christine Strüh
  • Sprecher: Merete Brettschneider
  • Audible.de Erscheinungsdatum: 29. September 2016
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01LB81NEQ













FEHLERHAFT...




Schwarz und Weiß - in diese Kategorien ist die Welt aufgeteilt, in der die 17-jährige Celestine lebt. Lässt man sich nichts zuschulden kommen, gehört man zu den Perfekten, doch ein Fehltritt reicht, um vor die Gilde gezerrt zu werden, die über die moralische Unfehlbarkeit der Gesellschaft wacht. Einmal verurteilt, wird man mit einem großen 'F' gebrandmarkt, das je nach Vergehen eine andere Körperstelle markiert. Nach einer Lüge wird das Brandeisen auf die Zunge gedrückt, fehlerhaftes Denken führt zu einem 'F' auf der Schläfe, ein Diebstahl zu einem Brandmal auf der Handinnenfläche.

Niemals hätte Celestine sich vorstellen können, dass sie aus der Welt der Perfekten herausfällt, denn sie weiß einfach, was richtig ist und was falsch. Doch eine einzige Entscheidung aus dem Bauch heraus führt dazu, dass nichts mehr ist wie es mal war. Fortan gehört Celestine zu den Fehlerhaften, gesellschaftlich geächtet und einer Vielzahl von Repressalien ausgesetzt. Aber auch wenn das junge Mädchen zunächst das Gefühl hat, dass jetzt alles zu Ende ist, geht das Leben weiter. Und Celestine erkennt, dass es mehr gibt als Schwarz und Weiß, und dass es andere Werte gibt als die von der Gilde vorgegebenen...

Mit diesem ersten Teil der zweibändigen Dystopie beweist Cecilia Ahern, dass sie mehr kann als 'Liebesgeschichten'. Das Jugendbuch bietet mit Celestine einen Charakter, mit dem der Leser sich identifizieren kann, auch wenn das Mädchen anfangs kein wirklicher Sympathieträger ist. Absolut unkritisch lebt sie zunächst in der Welt der Wohlhabenden und Perfekten, ist unsterblich verliebt und hat bereits konkrete Zukunftspläne. Doch mit dem Prozess vor der Gilde beginnt Celestines Entwicklung, die Erkenntnis, dass die vorgegebenen Werte und Richtlinien nicht unbedingt die richtigen sein müssen, eine wachsende Menschenkenntnis und die Einsicht, dass sie selbst aktiv werden muss. Auch wenn mich die anfängliche Naivität Celestines etwas nervte, empfand ich die Entwicklung des Mädchens und ihren erwachenden Kampfgeist als authentisch und glaubwürdig.

Die Ausgrenzung von Teilen der Gesellschaft (hier sichtbar gemacht z.B. durch das erzwungene Tagen einer Armbinde) gemeinsam mit einem engmaschigen Kontrollsystem (hier gekennzeichnet durch die allgegenwärtigen Whistleblowers) ist sicher kein neues Thema. Doch Cecilia Ahern verwebt diesen Aspekt gekonnt mit der Fragestellung nach den moralischen Werten einer Gesellschaft, mit der Möglichkeit, eine ursprünglich gute Idee durch die Machtgeilheit einzelner ins Perverse zu verdrehen und mit der Frage nach der Zivilcourage der Menschen, die gemeinsam vielleicht etwas verändern könnten.

Kleinere Längen im ersten Drittel des 11 h 31 min langen Hörbuchs seien verziehen, da hier die Züge der dystopischen Welt plastisch dargestellt und damit greifbar werden. Der Schreibstil ist flüssig und der jugendlichen Zielgruppe angemessen, und für mich erfreulicherweise kommt das für Cecilia Ahern so typische Thema 'Liebe' hier nur am Rande zu tragen. Merete Brettschneider liest das ungekürzte Hörbuch gekonnt und passend zum Charakter der Celestine, aus deren Ich-Perspektive das Geschehen erzählt wird.

Das Buch endet schließlich mit einem Cliffhanger, der einem den zweiten (und gleichzeitig letzten) Teil der Dystopie nahezu aufdrängt. Hier kann ich auch nur sagen: aber gerne doch. Das Hörbuch zu 'Perfect - Willst du die perfekte Welt?' liegt schon bereit!


© Parden














Bildergebnis für cecelia ahern
Der argon hörbuch Verlag schreibt über die Autorin:

Cecelia Ahern ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der Welt. Mit 21 Jahren schrieb sie ihren ersten Roman, der sie sofort international berühmt machte: P.S. Ich liebe Dich, verfilmt mit Hilary Swank. Danach folgten Jahr für Jahr weitere Bestseller.

übernommen vom argon hörbuch Verlag





Der argon hörbuch Verlag schreibt über die Sprecherin:

Merete Brettschneider hat bereits Romane von u.a. Cecelia Ahern, E. L. James und Jennifer L. Armentrout eingelesen. Mit ihrer hellen, ausdrucksstarken Stimme beherrscht sie sowohl ruhige als auch dynamische Töne.

übernommen vom argon hörbuch Verlag

Mittwoch, 6. September 2017

Szczygielski, Marcin: Flügel aus Papier


Ein spannend geschriebener Roman über den Holocaust, aber vor allem darüber, was im Leben wichtig ist: Liebe, Brüderlichkeit, Ehrlichkeit und Hoffnung.
 
Warschau um 1942: Rafal flieht vor der grausamen Wirklichkeit des Ghettos in die Bibliothek, in die Welt der Bücher. In H. G. Wells ›Zeitmaschine‹ entdeckt er Parallelen zwischen der Realität und der im Roman beschriebenen Welt. Schließlich gelingt es seinem Großvater, Rafal aus dem Ghetto zu schmuggeln. Er versteckt sich im Warschauer Zoo. Aber die Nazis sind ihm auf der Spur …


(Klappentext S. Fischer Verlage)

  • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
  • Verlag: FISCHER Sauerländer; Auflage: 1 (19. Februar 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Thomas Weiler
  • ISBN-10: 3737352127
  • ISBN-13: 978-3737352123
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 10 Jahren
  • Originaltitel: Arka Czasu












KINDGERECHT UND DOCH EINDRINGLICH...



Warschau um 1942: Rafal lebt mit seinem Großvater im Ghetto. Er kann sich an ein Leben ohne Hunger, Angst und Not kaum noch erinnern. Nur wenn er liest, vergisst er die schreckliche Wirklichkeit um sich herum. So oft er kann, begibt sich Rafal in die Bibliothek, in die Welt der Bücher. Schließlich gelingt es seinem Großvater jedoch, seinen Enkel aus dem Ghetto zu schmuggeln. Im Warschauer Zoo findet Rafal Unterschlupf und freundet sich mit zwei anderen Kindern an, die auch untergetaucht sind. Zusammen planen sie ihre Flucht - abber die Nazis sind ihnen bereits auf der Spur...


"Es soll einmal  gar nicht so wichtig gewesen sein, wo jemand herkam, sondern es zählte nur, was er für ein Mensch war. Jeder wohnte, wo es ihm gefiel, ganz egal, wie er hieß, woran er glaubte oder welche Farbe seine Haut, seine Haare oder seine Augen hatten. Wieso kann ich mich nicht mehr daran erinnern?" (S. 27)


Dieses Kinderbuch spielt im Warschauer Ghetto und wird aus der Ich-Perspektive des achtjährigen jüdischen Rafal erzählt, der einerseits zwar schon gut lesen kann und mittlerweile auch nicht mehr nur Kinderbücher verschlingt, der andererseits aber die Geschehnisse um ihn herum noch nicht immer richtig mitbekommt und interpretiert und so in seiner Naivität auch vor dem Grauen ein wenig geschützt ist.  Der Großvater bemüht sich, Rafal vor so vielen Schrecknissen wie möglich zu bewahren und zieht allein mit seiner Geige, die ihm aus seiner Zeit in der Philharmonie geblieben ist, durch die Cafés, um ein wenig Geld und Essen für sich und seinen Enkel zu erhalten. Rafal dagegen bleibt bis auf die gelegentlichen Ausflüge in die Bibliothek des Ghettos in dem kleinen Zimmer, das er gemeinsam mit seinem Großvater bewohnt.

Der kleine Junge bemüht sich, seinen Großvater nach Leibeskräften zu unterstützen: er putzt, er kocht, er strengt sich an in den privaten Unterrichtsstunden bei seinem Großvater. Aber er flieht auch nur zu gerne in die fremden Welten der Bücher. Als er sich aus der Bibliothek 'Die Zeitmaschine' von H.G. Wells ausleiht, erkennt Rafal jedoch viele Parallelen zum aktuellen Zeitgeschehen. Fortan nennt er die Nazis die 'Morlocks' und versteht auch ein wenig besser, was um ihn herum geschieht. Doch kein Buch hätte ihn auf das vorbereiten können, was sein Großvater schießlich in die Weg leitet. Gegen viel Geld lässt dieser seinen Enkel aus dem Ghetto schmuggeln mit dem Ziel, den Rest des Krieges unter falschem Namen bei einer polnischen Familie unterzukommen. Doch etwas geht schief, und so landet Rafal schließlich im Warschauer Zoo, wo er auf andere flüchtige Kinder trifft. Und dort zeigt sich der Wert von Freundschaft und Hoffnung...

Ein Kinderbuch über den Holocaust zu verfassen, ist kein leichtes Unterfangen. Einerseits muss die kindliche Naivität des Hauptcharakters glaubwürdig ausgestaltet werden, andererseits müssen der Schrecken, die Angst und die allgegenwärtige Gefahr dieser Zeit auch ihren Raum finden. Kindgerecht und doch eindringlich - das ist Marcin Szczygielski in meinen Augen gelungen. Der Autor hat dazu noch einen besonderen Kniff eingebaut, der mich zunächst verwunderte, den ich schließlich aber liebgewann, denn er bot eine Ausflucht, wenn es zu schrecklich werden sollte. 'Die Zeitmaschine' von H.G. Wells, die Rafal als Lektüre so begeistern konnte, taucht in einigen Szenen auf und bringt Rafal kurzzeitig fort aus der alles in Frage stellenden Gegenwart. Ein wenig Fantasy oder Märchen in einer kaum erträglichen Realität - für Kinder sicher tröstlich.

Am Ende bleiben keine Fragen offen, manches erschien mir als Erwachsenem vielleicht etwas zu schön um wahr zu sein, für Kinder jedoch scheint mir dies eine gute Variante zu sein. Gut gefallen hat mir auch das Nachwort, in dem Marcin Szczygielski darauf eingeht, was in der Erzählung auf wahren Begebenheiten beruht und was fiktiv hinzugekommen ist.

Für Kinder ab 10 Jahren wird dieses Buch empfohlen, jedoch sollte man bei jüngeren Kindern doch lieber ein gemeinsames Lesen in Betracht ziehen. In jedem Fall bietet dieses Buch eine empfehlenswerte  und kindgerechte Zeitreise in einen Teil der deutschen Geschichte, den viele lieber vergessen würden, der aber niemals vergessen werden darf.


© Parden












Marcin Szczygielski
Die S. Fischer Verlage schreiben über den Autor:

Marcin Szczygielski, geboren 1972 in Warschau, ist ein preisgekrönter Journalist und Autor und seit 2009 auch ein sehr erfolgreicher Kinderbuchautor.

übernommen von den S. Fischer Verlagen


Dienstag, 5. September 2017

Nolte, Jakob: Schreckliche Gewalten


Eines Nachts verwandelt sich Hilma Honik in einen Werwolf und tötet ihren Mann. Von nun an sind ihre beiden Kinder auf sich selbst gestellt : immer in der Angst, die Bestialität liege in der Familie und könne auch von ihnen Besitz ergreifen. Während sich Iselin dafür entscheidet, in ihrer Heimatstadt Bergen mit ihren Mitbewohnerinnen die Terrorzelle »Mädchen im System« zu gründen, bereist Edvard die Ränder der Sowjetunion auf seinem Weg nach Afghanistan. Es beginnt eine fantastische Sinnsuche durch das 20. Jahrhundert und die Unwägbarkeiten menschlichen Verhaltens. In seinem zweiten Roman zeichnet Jakob Nolte einen schwarzen Regenbogen des Horrors über die Welt und erweist sich dabei als detailverliebter Nihilist und Meister des Wahnwitzes.

(Klappentext Matthes & Seitz Berlin)


  • Gebundene Ausgabe: 340 Seiten
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin; Auflage: 1 (27. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3957574005
  • ISBN-13: 978-3957574008













BESTENFALLS SCHRÄG - IN JEDEM FALL EINE ZUMUTUNG!




So, nun bekomme ich nach der Lektüre dieses ... Buches das debile Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Leider nicht, weil das Lesen des neuesten Werkes von Jakob Nolte mich so begeistern oder amüsieren konnte, sondern weil ich endlich, endlich auf der letzten Seite angekommen bin. Neugierig wurde ich auf das Buch (Roman mag ich tatsächlich nicht sagen), als es auf der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises auftauchte. Und ähnlich wie bei dem zuvor gelesenen Roman 'Katie' von Christine Wunnicke (ebenfalls von der Longlist) erwartete mich hier eine Überraschung. Diesmal jedoch eher in Richtung Hirnerweichung.


"...setzte sich außerdem für ein Samisdat ein. Sie (...) hatte schon lange an einem Manifest über die Verneinung des Kollektivs gearbeitet, einer Abhandlung über das Okkulte, die Partei und die Masse, über die Theorie des Miasmas, die den üblen Dunst beschreibt. Sie war fasziniert von der Mathematik des Rudels. Wie aus der Gemeinsamkeit eine Gefahr erwächst, der ansteckende Effekt der Zugehörigkeit, deren einziger Zweck es ist, die Krankheit einer Idee zu übertragen."


Doch worum geht es hier eigentlich? Mühsam lässt sich tatsächlich zwischen den gefühlt drei Millionen Einschüben so etwas wie ein Grundgerüst erkennen, das die Geschichte, sofern es denn eine ist, fragil zusammenhält. Eine Mutter aus Bergen (Norwegen) entpuppt sich im Jahre 1973 mit über 50 Jahren plötzlich als Werwolf, tötet ihren Mann, flieht und lässt ihre 20jährigen Zwillinge Edvard und Iselin allein zurück. Während Iselin in Bergen bleibt, im Haus ihrer Eltern eine WG gründet, versuchsweise zur Terroristin wird und schließlich eine lesbische Beziehung aufnimmt, flieht Edvard vor dem erlebten Horror und der großen Angst, dass das Werwolf-Gen auch auf ihn gekommen sein könnte. Über Litauen macht er sich auf den Weg nach Afghanistan und gründet dabei eine nihilistische Straßenbande. Diskutiert wird dabei über Gott und die Welt, vermutlich gerade so, wie es dem Autor gerade quer in den Kopf kam und meist ohne jeglichen Zusammenhang zu dem gerade zuvor Geschriebenen.


"Thomas Mann war ein deutscher Mann der Mann-Familie, der auf Männer stand. Heute ist er niemandem mehr ein Begriff. Dabei galt er als Begründer des höheren Abschreibens, einer Methode des geistigen Diebstahls, die mit den Mitteln der modernen Forensik fast unmöglich nachweisbar ist. Es ist eine der schwierigsten Techniken der Kulturgewinnung."


Anhand der Geschichte der Geschwister laviert sich Jakob Nolte nebenbei durch eine Beleuchtung der Gewalttaten in den 1970er Jahren: das Münchner Olympia-Attentat 1972 ist ebenso Gegenstand  der Erzählung wie die Untaten japanischer oder palästinensischer Terrorgruppen, die RAF, der Stellvertreterkrieg in Angola, der sowjetische Unterdrückungsapparat u.a.m. Eine chronologische Erzählweise, psychologisch motivierte Figuren oder auch nur nachvollziehbares Handeln sucht man hier vergeblich. Der wilde Drang, 'anders' zu erzählen, bricht sich hier Bahn - und dies hat dem Buch vermutlich die begeisterten Stimmen im Feuilleton beschert sowie besagten Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Beim Lesen drängten sich mir abwechselnd zwei Gedanken auf: entweder zu blöd für diese Art 'höherer Kunst' zu sein oder aber als eine der wenigen den 'Hurz-Effekt' (Hape Kerkeling lässt grüßen) zu durchschauen. Ich neige schlussendlich zu Letzterem.


"Eine Stadt zu sein heißt, Ballung zu sein." (...) "Würdest du sagen, dass eine Stadt ein Diamant ist und das Land Kohle?" - "Nein, das finde ich zu ungenau. Die Konzentration in einem Diamanten ist viel größer. Es ist eher so, dass Land Holz ist und eine Stadt Holzkohle (...) Es gibt nichts, was man mit einem Diamanten vergleichen könnte." - "Hund." - "Einen Hund?" - "Der Hund ist der beste Freund des Mannes, während der Diamant der beste Freund der Frau ist. Also muss es doch möglich sein, Hunde mit Diamanten zu vergleichen..."


Das Buch bietet eine unendlich scheinende Verschachtelung von Erzählebenen - ein Einschub in Klammern von über 40 Seiten inbegriffen, bevor der ursprüngliche Satz fortgeführt wird. Vom Hölzchen aufs Stöckchen - ein Stichwort reicht aus, um die Richtung zu wechseln. In kurzen bis kürzesten 'Kapiteln' wird der Leser hier zugeballert mit einer Flut an wikipedialastigen Informationen, schrägen Vergleichen -  "In diesen Stunden schienen die Sterne zu flackern, als wären sie die zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannten Leuchtstoffröhren der Amüsierviertel Bangkoks" -, trivialem Nonsens - "Benedikte war die Tochter ihrer Mutter und ein Kind ihres Vaters" - und teilweise endlosen und ermüdenden Aufzählungen. Neben selbstverliebten Sprachspielereien und teilweise hingerotzter Alltagssprache kommt es auch immer wieder zu eigenwilligen Sex-Szenen und Splatter-Fantasien - Quentin Tarantino geisterte hier mehr als einmal durch meinen Kopf. Dass die Geschichte letztlich kein Ende im üblichen Sinne hat, darf hier dann nicht mehr verwundern.


"Welches ist das gefährlichste Tier auf dem Planeten Erde?" (...) "Schließt man all die unbekannten Monster vom Grund des Meeres aus, lautet die Antwort: die weibliche Anopheles-Mücke. Sie ist jährlich für gut über eine halbe Million Tote verantwortlich, eher mehr. Und zwar überwiegend Kinder." (...) "Bei dem opferreichsten Bombardement in der Geschichte der Kriegsführung, dem Angriff der alliierten Truppen auf Tokio in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945, starben etwa 100000 Menschen (...) Diese Mücken verüben also jährlich fünf Bombardements auf Tokio, bei denen der Großteil der Toten Kinder sind."



Ein Fazit? Angesichts dieser Informationsexplosion, die da hinter mir liegt, lässt sich das schwer auf einen Punkt bringen. Klugscheißerisch, akademisch-überlegen, angeberhaft, blutrünstig, morbid, grausam, einfallsreich, trashlastig, misanthropisch, nihilistisch, erzählfreudig, ironisch-hochtrabend, schwarzhumorig, eigenwillig, durchgeknallt - eben anders. Für mich bestenfalls schräg - in jedem Fall aber eine Zumutung!


© Parden











Matthes & Seitz Berlin schreibt über den Autor:

Jakob Nolte, geboren 1988, wuchs in Barsinghausen am Deister auf. Seine Theaterstücke wurden mehrfach prämiert und an zahlreichen Bühnen Europas gespielt. Sein Debütroman ALFF wurde mit dem Kunstpreis Literatur 2016 ausgezeichnet. Im selben Jahr war er Stipendiat der Villa Kamogawa in Kyoto.

übernommen von Metthes & Seitz Berlin

Montag, 4. September 2017

Friebel, Volker (Hrsg.): Südwind


Das Haiku-Jahrbuch 2016. Eine Auswahl deutschsprachiger Haiku, für das Projekt „Haiku heute“ herausgegeben von Volker Friebel. Aus tausenden Texten ausgewählt 596 Haiku von 115 Autoren sowie 10 Tan-Renga.

„Haiku heute“ ist ein Projekt zur Förderung des deutschsprachigen Kurzgedichts. Die Netzpräsenz www.Haiku-heute.de erstellt aus der Vielzahl an eingereichten Texten jeden Monat eine Auswahl nach literarischen Gesichtspunkten. Die Jahrbücher, von denen hier das vierzehnte vorliegt, versammeln davon die interessantesten Haiku jedes Jahres und geben so einen Überblick zum Stand der deutschsprachigen Haiku-Dichtung. Zusätzlich werden im Jahrbuch auch in anderen Foren veröffentlichte Haiku und nur für das Jahrbuch eingereichte Haiku aufgenommen.



  • Taschenbuch: 104 Seiten
  • Verlag: Edition Blaue Felder (8. Mai 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3960390084
  • ISBN-13: 978-3960390084















HAIKU HEUTE...



"Welches Konzept liegt diesem vierzehnten Jahrbuch des Projekts Haiku heute zu Grunde? Die Verbreitung des Haiku in der deutsch­sprachigen Welt soll beobachtet und dokumentiert werden. Die Vielfalt und die Breite der Ausdrucksformen ist dabei ausdrücklich erwünscht. Literarische Qualität und Inspiration sind die wichtigsten Kriterien. Natürlich stellt sich auch manchmal die Frage, was noch als Haiku gelten kann und was nicht, eine Frage, auf die eine klare Antwort nicht möglich ist. In das Jahrbuch sind 596 Haiku von 115 Autoren und zehn Tan-Renga aufgenommen. " (aus dem Vorwort)

Ein Jahrbuch zur Dokumentation der Weiterentwicklung der Haiku-Dichtung im deutschsprachigen Raum - ein interessates Projekt.  Insgesamt ist das Haiku erstaunlich wenig definiert. Kürze (17 Silben und weniger), Konkretheit (kleine Beobachtungen, keine Interpretationen), Gegenwärtigkeit (Wörter aus dem Hier und Jetzt) und Offenheit werden als charakteristische Merkmale eines Haiku benannt, wobei gerade die Offenheit Raum für Assoziationen beim Leser schafft.

"Es [Das Haiku] hat eher mit Achtsamkeit zu tun als mit Zerstreuung, eher mit Werden und Vergehen als mit Statik, eher mit offener Wahrnehmung und Betrachtung als mit abstrakten Ideen, eher mit dem Kleinen als mit dem Großen." (aus dem Vorwort)

Diesmal bemühe ich ausnahmsweise das Vorwort sehr, weil es viel besser als ich zu erklären vermag, worum es hier eigentlich geht. Das Wesentliche des Buches sind natürlich die Haikus selbst, die hier nicht thematisch sortiert sind, sondern als jeweilige Sammlung eines Autors hintereinander weg erscheinen. Dies empfand ich an manchen Stellen als nicht so gelungen, weil ich dann beispielsweise ein Gedicht sehr ansprechend fand, ein anderes dagegen eher nichtssagend, aber manchmal einfach nur, weil ich emotional noch im ersten festsaß und das nächste womöglich ein ganz anderes Thema behandelte und dann eher störend war.

Interessant finde ich, dass mich Lyrik erst seit einigen Jahren anspricht, so auch die Haikus. Und beim Blick ins Register der Autoren fällt auf, dass bis auf wenige Ausnahmen auch alle schon älter sind. Wie kommt das eigentlich? Ich fände es jedenfalls sehr spannend, auch einmal Haikus einer jüngeren Generation zu lesen. Sicher gäbe es da auch andere Themen, andere Untertöne, andere Emotionen.

Dank der Vielfalt der Beiträge wird hier aber wohl jeder Leser auf Haikus stoßen, die ihn berühren - dass einem alle Kurzgedichte gefallen, wäre bei einer solchen Sammlung eher ungewöhnlich. Ich bin jedenfalls auf einige wundervolle Beiträge gestoßen, und das war letztlich genau das, was ich mir von dem Buch erhofft habe.


© Parden











Über den Herausgeber des Jahrbuchs:

Volker Friebel (*1956) ist promovierter Psychologe und Autor von Veröffentlichungen mit den Spezialgebieten Entspannung, Psychosomatik, Sprache und Musik sowie literarischer Art.