Donnerstag, 23. November 2017

Bredemeyer, Mark: Runenzeit... (5/6)


Nach vier Bänden muss man ja die Lektüre zu einem glücklichen Ende bringen. 
Um was geht´s? Natürlich um RUNENZEIT


Was bescherte uns der vierte Band? Mit Handgranaten und Kalaschnikow ziehen Arminius und seine Armee aus den Stämmen der Germanen gegen die Legionen des Publius Quinctilius Varus. Man merkt, hier kann etwas nicht stimmen. Und richtig, in der Geschichte rühren so einige Leute dem 21. Jahrhundert rum. Aber das kennt der Leser dieses Blogs bereits, wenn er die kurzen Buchbesprechungen zu Bredemeyers „histo-fantastischem“ Roman verfolgt hat.

SCHIKSALSRUNEN, so heißt der fünfte Band und eigentlich weist dies auf das Ende hin. Das Schicksal des EWIGEN CHERUSKERS. Damit ist dann der sechste Band gleich mit genannt.

An das Ende darf man dabei als Mensch des 21. Jahrhunderts nicht denken, denn die Wolfszeit steht uns unmittelbar bevor, glaubt man den Göttern Wotan (Odin) und Donar (Thor). Über die Wolfszeit heißt es in der Völuspá, der Weissagung der Seherin:

Brüder schlagen dann,
morden einander;
Schwestersöhne
verderben Verwandtschaft;
wüst ist die Welt,
voll Hurerei; ’s ist
Beilzeit, Schwertzeit,
zerschmetterte Schilde,
Windzeit, Wolfszeit,
bis einstürzt die Welt –
nicht ein Mann will
den anderen schonen.

Die Wolfszeit gilt es zu verhindern, mindestens muss sie herausgezögert werden. Das ist der Grund, auf dessen die Hagedisen zu zeitverändernden Mitteln greifen, für diese eine Selbstverständlichkeit.

* * *

Wer sich so ein klein wenig auskennt, weiß, dass das Ende des Arminius nicht wirklich bekannt ist. Man spricht von Mord. Naja, bekannt ist auch, dass der Führer der Cherusker genügend Zoff in der eigenen Familie hatte. Schwiegervater Segestes und Bruder Flavus blieben den Römern verbunden. Thusnelda gebar den gemeinsamen Sohn Thumelicus in römischer Gefangenschaft.

Hier spaltet ein Verrat die Cherusker und auch vom Kampf gegen die Legionen des Germnicus erzählt Band 5 in dem die Munition knapp wird. Und MARBOD, auch ein „herbeigehexter“ Spätgermane spielt wieder eine Rolle.

Am Ende geht es darum, ob Arminius dem Schicksal entrinnen kann. Der harte Berufssoldat des 21. Jahrhunderts kennt ja das Ende des Cheruskers...





* * *

Immer wieder erwischte ich mich bei dem Gedanken, dass es an sich eine komische Geschichte ist, wenn man eine solche Zeitreise erzählt. BLIKSMANI und sein Neffe / Sohn WITANDI, mit „bürgerlichen Namen Armin und Leon, greifen gemeinsam mit ein paar anderen in die Geschichte ein. Grundgedanke ist, dass ohne deren Eingreifen die Römer Germanien hätten erobern können. Daher holen sich die HAGEDISEN Unterstützung aus der Zukunft. Dies gelingt und damit läuft die Geschichte so ab, wie wir sie heute kennen. (Allerdings kennt sie eine Wissenschaftlerin am Ende besser und zwar aus berufenem Mund...)

Nun endlich, nach insgesamt sechs Bänden kann ich noch einmal bestätigen, was ich zum dritten Band schon einmal schrieb:

„Geschichtsrezeption ist die Sache vieler Jugendlicher heute nicht. Obwohl die Möglichkeiten der Geschichtslehrer durch unzählige Medien, massenweise Dokumentationen, heute fast ins unendliche gehen, scheint das Interesse selbst an eigener Geschichte ziemlich erlahmt zu sein. Vielleicht haben daher solche „histo-fantastischen“ Romane ihre neue Berechtigung. Es muss ja nicht gleich so was „Kompliziertes“ wie Augustus sein.“

Die „histo-fantastischen" Romane haben ihre Berechtigung. Genauso, wie heute Comics und Graphic Novels zur Geschichtsrezeption eingesetzt werden. Ganz ersetzen können sie den schulischen Geschichtsunterricht allerdings nicht. Zu den historischen Ereignissen kommen dann noch literarische dazu, denn es treten auch noch ein paar andere Typen dazu, die man aus den germanischen und nordischen Sagen kennt: Wenn es schon die Hagedisen (Hexen), die hier wirken, dann dürfen Wotan und Co. nicht fehlen.

Bredemeyer hat seine Bände jeweils mit einem umfangreichen Glossar versehen, in denen er die handelnden Personen vorstellt, die verschiedenen Stämme und auch die Gegenden, in denen die Geschichte spielt. Jeder Band beginnt mit einem prägnanten Rückblick, so dass der Leser gut an die vorangegangenen Bände erinnert wird, wenn die Lektüre bereits einige Wochen oder Monate zurücklag. Auch ermöglicht dies natürlich die gezielte Suche nach Begriffen und Erläuterungen im Internet.

* * *

Die Bücher bekam ich so nach und nach für einen „Eispreis“ und dann als Rezensionsexemplare von Katharina Salomo von Salomo Publishing. Dafür noch einmal recht herzlichen Dank.

Es gibt so Fantasy...


► Runenzeit - Gesamtseite
► Band 5: DNB / EDITA – Dresdner Buchverlag / Dresden, 2015 / 978-3-943450-33-0 / 552 S.
► Band 6: DNB / EDITA – Dresdner Buchverlag / Dresden, 2017 / 978-3-943450-41-5 / 523 S.


© KaratekaDD


Mittwoch, 22. November 2017

Völker, Melanie: Zwischen Leben und Ich


In unserer hektischen Zeit entflieht uns oftmals der Blick für das Wesentliche.
Wir hasten von einem Termin zum nächsten, planen das Morgen ohne zu sehen, was heute um uns herum passiert.


Zehn kleine Geschichten bieten Momente des Innehaltens, Atempausen im Strudel der Zeit.




  • Taschenbuch: 76 Seiten
  • Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (13. November 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3734706157
  • ISBN-13: 978-3734706158










ATEMPAUSEN IM STRUDEL DER ZEIT...



In ihren Geschichten lässt Melanie Völker die Welt alter Mythen aufleben, was nicht von ungefähr kommt - geht es ihr doch darum, gedanklich zum Kern des Menschseins zurückzukehren. Die Erzählungen lesen sich wie alte, indisch angehauchte Märchen, was der Namensgebung der Figuren geschuldet ist.


"Jeder Abzweig, an dem wir uns für eine Richtung entscheiden, jeder Schritt, den wir setzen, bringt uns neue Erkenntnis. Selbst ein Pfad, der sich am Ende als Irrweg entpuppt und auf dem wir umkehren müssen, erweist sich als lehrreiche Lektion für die Zukunft. Ein Weg ist dann richtig, (...) wenn er dein eigener ist."


Einzeln gelesen, können die Geschichten einen Ruhepol im hektischen Alltag darstellen, voller Farben, Bilder und Wärme, und nebenher noch einen kleinen Gedankenanstoß geben, um bei aller Hektik im Leben das Träumen nicht zu vergessen, um zu versuchen, alles im Gleichgewicht zu halten, um zu überprüfen, ob der eingeschlagene Weg noch der eigene ist.

Nicht dogmatisch, sondern behutsam transportieren die Erzählungen eine Botschaft, sind aber auch für sich genommen ein schönes Erlebnis. Um die Stimmung noch zu verstärken, sind einigen der Geschichten Fotos vorangestellt, die die Ruhe und die Kraft ausstrahlen, die den Leser hier bei der Lektüre überkommen soll.

Mir hat die Sammlung gut gefallen, auch wenn die Fremdartigkeit der Namensgebung es teilweise erschwerte, dass ich mir die einzelnen Charaktere merken konnte.

Tatsächlich ein schöner Fund...


© Parden 










Melanie Völker ist in Dortmund geboren und in Schwerte aufgewachsen, wo sie auch heute noch lebt. Neben ihrem Beruf als Dipl.-Verwaltungswirtin schrieb sie zunächst Gedichte und Kurzgeschichten, später dann auch längere Geschichten im Fantasy-Genre. Mit der Veröffentlichung ihres ersten Romans »Dämmernebel«, dem Auftakt zur Trilogie »Flamme der Seelen« erfüllte sie sich 2014 einen großen Traum. Derzeit schreibt sie am dritten Band der Reihe. Weitere Projekte sind in Arbeit.




Dienstag, 21. November 2017

Wolf, Julia: Walter Nowak bleibt liegen


Jeden Tag schwimmt Walter Nowak seine Bahnen im Freibad. Eines Morgens bringt eine Begegnung ihn aus der Fassung, mit fatalen Folgen: Der Länge nach ausgestreckt findet er sich wenig später auf dem Boden seines Badezimmers wieder, bewegungsunfähig und auf sich allein gestellt. »Von nun an geht es abwärts, immer abwärts«, schießt es ihm durch den Kopf. Zunehmend verliert er die Kontrolle, Gedankenfetzen, Bilder aus der Vergangenheit stürzen auf ihn ein: das Weihnachtsfest mit seiner ersten Frau Gisela, ihr Schweinebraten, ihre Tränen; der Blick seines Sohnes Felix, als er von der Trennung erfährt; Erinnerungen an seine eigene Kindheit als unehelicher Sohn eines GIs; und, vor kurzem, eine Diagnose seiner Ärztin. Während nach und nach alles vor seinen Augen verschwimmt, ziehen seine Gedanken immer engere Kreise, nähern sich einem verborgenen Zentrum, dem Anfang, dem Ende...


  • Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt; Auflage: 1 (7. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3627002334
  • ISBN-13: 978-3627002336










EIN SPERRIGER ROMAN, EIN UNBEQUEMER CHARAKTER - UND DOCH ÜBERZEUGEND...



68 Jahre alt ist Walter Nowak - und fit wie ein Turnschuh. Eigentlich. Jeden Morgen schwimmt er seine Bahnen, immer exakt 1000 Meter, eher mehr, wenn er sich einmal verzählt. Doch an diesem einen Morgen unterbricht etwas seinen Schwimmrhythmus, Walter Nowak wird abgelenkt, und ganz in Gedanken knallt er mit voller Wucht mit dem Kopf gegen den Beckenrand.

Auch wenn Walter Nowak abwinkt, als man ihm zu Hilfe eilen will, auch wenn er einfach nur seine Sachen packt und aus dem Schwimmbad eilt, bleibt dieser Zusammenstoß mit dem Beckenrand nicht ohne Folgen. Diese Erschütterung wirkt nach, zieht wie ein ins Wasser geworfener Stein immer weitere Kreise, breitet sich wellenförmig aus, bis die spiegelglatte Oberfläche seines Lebens derart in Unruhe gerät, dass er sich darin nicht mehr wiederzufinden scheint.

Nach dem Schwimmbadunfall eilt Walter Nowak nach Hause, wo ihn gähnende Leere erwartet, denn Yvonne, seine deutlich jüngere Frau, ist für einige Tage auf einer Tagung, hat ihm einen Essensfahrplan dagelassen, gesunde Schonkost. Der Leser folgt Nowak in sein Haus, vor allem aber in seine nur durch gelegentlichen Schlaf oder eine Bewusstlosigkeit unterbrochene Gedankenkette, die oft wirr und unzusammenhängend scheint, jedem Impuls folgend. Und Stück für Stück taucht der Leser so ein in ein über weite Strecken gelebtes Leben.

Walter Nowak ist ein ehemals erfolgreicher Geschäftsmann, nun im Ruhestand, die erste Ehe geschieden, der gemeinsame Sohn Felix distanziert, seine Yvonne, nun auch nicht mehr jung und knackig, mit zunehmend eigenen Interessen. Hinzu kommt eine ärztliche Diagnose - "Natürlich, Herr Nowak, werden wir versuchen, potenzerhaltend, Herr Nowak, zu operieren", die ihn zusammen mit dem Schwimmbadunfall aus der Bahn wirft, auch die eiserne Disziplin, die ihn bis dahin ausgezeichnet hat, hilft ihm kaum, die Scherben seines Lebens zusammenzuhalten.

Gedankenfetzen, Fantasien, Erinnerungen, geistige Aussetzer - Walter Nowak ist am Boden. Der Schreibstil erscheint dazu ungemein passend. Anfangs war ich entsetzt - ein Endlostext, kaum einmal wenigstens ein Absatz, dazu noch unvollständige Sätze, auseinandergerissen. Doch einmal angefangen zu lesen, merkte ich rasch, dass es trotz allem flüssig erschien, wirr, wie Gedankengänge nun einmal sind, und deshalb zwar ungewönlich aber einfach gut gewählt.

Walter Nowak ist ein unbequemer Charakter, sperrig, und so regt sich beim Lesen kaum einmal Sympathie - wenn überhaupt, dann Mitleid. Und doch ist es spannend, dem Geschehen zu folgen, dem Zusammenbruch eines Lebens zuzuschauen, der auch mit eiserner Disziplin nicht aufgehalten werden kann. Walter Nowak, ein ehemaliger Firmenpatriarch, ein ehemals unbeugsamer Vater, versteht das Leben nicht, alles entgleitet ihm, ohne dass er weiß weshalb. Rückblicke in die Vergangenheit, bis hin zu seiner Kindheit, helfen verstehen, ändern aber nichts an dem, was ist.

Für mich ist dieser Roman von Julia Wolf zurecht auf der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Die Erzählung will nicht gefallen, sie ist sperrig wie ihr Hauptcharakter, sie fordert. Und doch ist der Roman mit seinem außergewöhnlichen Schreibstil und der reinen Aneinanderreihung von Gedanken etwas Besonderes, Originelles.

Sicher nichts für jedermann, aber mir hat es wider Erwarten richtig gut gefallen.



© Parden









Die Frankfurter Verlagsanstalt schreibt über die Autorin:

Julia Wolf, 1980 in Groß-Gerau geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Für ihren Debütroman »Alles ist jetzt« (FVA 2015) erhielt sie den Kunstpreis Literatur der Brandenburg Lotto GmbH. Beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2016 las sie einen Auszug aus ihrem Roman »Walter Nowak bleibt liegen« (FVA 2017), für den sie mit dem renommierten 3sat-Preis und dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet wurde. »Walter Nowak bleibt liegen« wurde 2017 für den Deutschen Buchpreis nominiert.

übernommen von der Frankfurter Verlagsanstalt

Sonntag, 19. November 2017

Voll, Franz: Inside Duisburg-Marxloh: Ein Stadtteil zwischen Alltag und Angst


Eine Stadt verkommt, ein Stadtteil kippt, wer kann, haut ab. Vermüllte Häuser, verängstigte Bewohner, kriminelle Elemente. Wird Duisburg-Marxloh zu Deutschlands erster No-go-Area? Das Detroit Deutschlands? Oder kann der Problembezirk im Ruhrgebiet für andere Städte mit ähnlichen Problemen Lösungen aufzeigen? Und vor allem: Was kann man tun?

Franz Voll vom »Team Wallraff« war monatelang in Marxloh unterwegs. Er hat mit langjährigen Einwohnern und neuen Zuwanderern gesprochen, hat Prominente, Politiker und Polizisten interviewt. Sein Fazit: Von Marxloh lernen heißt anderswo die gleichen Fehler zu vermeiden. Dieses Buch ist das Porträt eines besonderen Stadtteils und seiner Menschen – investigativer Journalismus, professionell recherchiert, mit schockierenden Wahrheiten und verblüffenden Einsichten.


(Klappentext Orell Füssli Verlag)

  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
  • Verlag: Orell Füssli (1. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3280056349
  • ISBN-13: 978-3280056349












NO-GO-AREA?



Als ich auf dieses Buch stieß, wollte ich es sofort lesen. Nein, nicht weil ich in diesem Duisburger Stadtteil lebe, aber weil ich beruflich mit zahlreichen Menschen aus Marxloh in Kontakt komme und auch immer wieder dort vor Ort bin. Dort leben meist Menschen mit geringem Einkommen, oftmals Hartz-IV-Empfänger, dazu noch überdurchschnittlich viele Menschen mit Mirgrationshintergrund. Seit einiger Zeit berichten diese Menschen aber von einer deutlichen Verschlechterung der Lebensumstände. Viele Zuwanderer, Bulgaren und Rumänen, würden das Stadtbild verschlechtern, viele Spielplätze seien gar nicht mehr nutzbar, und alles würde abwärts gehen. Da interessierte mich dieses Buch eben sehr, um zu erfahren, wie viel ist eigentlich dran an den Berichten einzelner Einwohner oder auch an den schlagzeilenträchtigen Medienberichten?

Sehr erstaunt hat mich zunächst, dass Marxloh nicht immer das Problemviertel von Duisburg war, sondern ganz im Gegenteil, einmal eines der reichsten Stadtteile. Wer früher eine der begehrten Wohnungen in Marxloh bekam, hatte es geschafft - der war wer! Spaßeshalber habe ich mal geforscht, was Eigentumswohnungen in Marxloh heute so kosten - und nicht schlecht gestaunt. Unzählige Zwangsversteigerungen und auch sonst nur ein Bruchteil dessen, was vergleichbare Wohnungen in bevorzugten Wohnlagen kosten. Traurig. Doch so sieht es nun einmal heute aus in Marxloh:


"Die Menschen in diesem Stadtteil sind zu 65 Prozent Migranten. In den Schulen werden Klassen gebildet, die bis zu 85 Prozent aus Migranten bestehen, die aus 40 Nationen kommen. Manche sprechen beim Eintritt ins Gymnasium kein einziges Wort Deutsch."



Marxloh ist ein Armutsbezirk mit einer hohen Arbeitslosenzahl und mit vielen daraus entstehenden sozialen Problemen: 16 Prozent Arbeistlosigkeit, 19000 Einwohner, 64 Prozent davon mit ausländischen Wurzeln. Überall fehlt es an Geld, so dass Marxloh zusehends verfällt. Nicht alle Hauseigentümer kümmern sich ausreichend um ihren Besitz, aber vor allem die Stadt selbst hat kein Geld mehr - Schwimmbäder, Straßen, Schulen, Kindergärten, alles kommt zum Stillstand, und Stillstand bedeutet Verfall. Trotzdem sind sich die Befragten einig: Marxloh ist keine No-Go-Area. Und Franz Voll hat mit vielen Bewohnern gesprochen. Besonders wichtig waren ihm dabei die jungen Menschen, die doch eine Perspektive brauchen. Aber auch mit Hartz-IV-Empfängern, mit Drogendealern, Prostituierten, Schwarzarbeitern und Rumänen - und mit Politikern, Polizeibeamten, Feuerwehrleuten, Lehrern. Sechs Monate hat der Autor sich Zeit genommen, um diesen Stadtteil und seine Menschen näher kennenzulernen und um letztlich ein möglichst umfassendes Bild von Marxloh zu präsentieren.

Marxloh hat eine lange Tradition als Einwanderungsgebiet. Die Stahlwerke und die Kohlengruben zogen immer schon Arbeiter aus anderen Ländern an, teilweise gezielt angeworben von den Werken. Zunächst nur als Lösung auf Zeit gedacht, blieben doch viele der Arbeiter und gründeten Familien, so dass heute Menschen bereits in  2. und 3. Generation dort leben, teilweise auch mit deutschem Pass. Dadurch gab es ausreichend Zeit, sich aneinander zu gewöhnen, was auch gut funktioniert hat. Selbst der Bau der Moschee in Marxloh stellte so kein wirkliches Problem dar. Was für große Unruhe sorgte, war dann tatsächlich der große Zuzug von EU-Bürgern, Rumänen und Bulgaren, die widersinnigerweise als EU-Bürger keinen Anspruch auf einen Sprachkurs oder Integrationskurs haben - die Plätze werden von den zahllosen Flüchtlingen aus anderen Ländern belegt, die in den vergangenen Jahren noch zusätzlich dazu kamen. Von EU-Bürgern müsste der Sprachkurs selbst gezahlt werden, was die Motivation nicht sonderlich erhöht und die Integration noch zusätzlich erschwert.

Doch was ist Integration eigentlich? Auch dieser Frage geht Franz Voll nach und stellt erstaunt fest: alle reden davon, aber eigentlich weiß keiner genau, was das sein soll. Jeder hat sein eigenes Bild und persönliche Erwartungshaltungen, so dass es schwierig ist, da auf einen Nenner zu kommen. Kopftuch weg und Deutsch lernen? Moschee abreißen und alle ab zum Fußball? Und wer bewertet eine gelungene Integration?


"Wie soll sich ein Zugewanderter integrieren? Und ab welchem Zeitpunkt gelten Zuwanderer als integriert? Sind sie integriert, wenn sie die Sprache des Landes sprechen? Oder müssen sie noch in einem Kegelverein oder in einem Sportverein tätig sein? Reicht die Funktion des Kassenwarts aus oder wird mehr Engagement verlangt?"


Vielleicht kommt die Aussage einer Befragten der Sache am nächsten, die kein Problem damit hat, dass fremde Menschen um sie herum leben, dass diese sich aber benehmen sollen. Wenn man Gast ist, soll man sich auch so benehmen. Der Gastgeber hat Pflichten, aber der Gast eben auch.

Franz Voll hat ein buntes Bild von Marxloh gezeichnet, das manche der Vorurteile durchaus bestätigt, das aber auch die anderen Seiten des Stadtteils zeigt. Die seit einiger Zeit zur Verfügung gestellte zusätzliche Hundertschaft reguliert die deutlichen Nachteile der Sparmaßnahmen bei der Polizei in den vergangenen Jahren, so dass Konflikte meist rasch geregelt werden können. Aber die Aussage eines Befragten macht auch nachdenklich:


"Über die Ansammlung vieler Migranten muss man sich eigentlich nicht wundern; auch ich geh dahin, wo ich mich am wohlsten fühle und am schnellsten zurechtkomme. Lässt die Kommune diese Ansammlung zu und ergreift keine frühzeitigen Maßnahmen, um Probleme wie Kriminalität oder Bandenkriege zu verhindern,darf sie sich nicht darüber beschweren, hilflos und überfordert zu sein. Der Drops ist gelutscht."


Probleme gibt es durchaus, das ist durch Franz Volls Bericht deutlich geworden. Aber die Art der üblichen Medienberichterstattung ist oftmals vollkommen überzogen - und vielfacht waren die Reporter gar nicht vor Ort, sondern haben abgeschrieben, was andere behauptet haben.

Die Zuwanderer aus Osteuropa bereiten allerdings wirklich Schwierigkeiten. Das liegt zum einen an den anderen Lebensgewohnheiten - sobald das Wetter es zulässt, findet das Leben draußen statt, in großen Gruppen bis zu 150 Leuten, Grillen und spielende Kinder bis nach Mitternacht sind da kein ungewohntes Bild. Dass sich da Anwohner gestört fühlen, liegt auf der Hand, und dass da ein Einsatzwagen der Polizei nicht ausreicht, ebenso. Zum anderen liegt es daran, dass nicht, wie von der Politik gemutmaßt (oder schöngeredet) wurde, vorrangig die gebildeten Menschen nach Deutschland kommen, sondern vielfach die Roma, die in Rumänien zu den Geächteten und den Rechtlosen zählen. Dumm wären sie, wenn sie nicht kämen. Sie bekommen als EU-Bürger zwar keine Hartz-IV-Unterstützung, wohl aber Kindergeld - und bei durchschnittlich sechs Kindern ist das kein Betrag, der nicht ins Gewicht fällt. Doch mit den Problemen müssen jetzt nicht die Politiker fertig werden, die diese Entscheidung getroffen haben, sondern die Bevölkerung vor Ort. Und das schafft Unmut.

Müll, Dreck, Verwahrlosung - zwei Straßen in Marxloh scheinen fest in der Hand dieser Zuwanderer zu sein. Hier entstand der Begriff der No-Go-Area, im Sinne eines rechtsfreien Bezirks mit erhöhter Gewalttätigkeit. Ich muss gestehen, als ich dem Interview mit einem anonymisierten rumänischen Roma folgte, stieg bei mir der Blutdruck deutlich. Eine Geburtsurkunde für ein 'zusätzliches' Kind zu beschaffen, stellt wohl kein Problem dar - und schon erhöht sich das Einkommen durch das gezahlte Kindergeld noch einmal. Schwarzarbeit ist ebenso selbstverständlich, und man klaut dort zwar nicht selbst, gibt aber entsprechende Tipps weiter an zahlende Interessenten. Für die eigenen Kinder kauft man aber kein Spielzeug, denn die können in die Läden mit den vollgefüllten Regalen gehen und sich das 'nehmen', was sie wollen. Klauen sei das nicht. Dazu kommen noch etwa 40 bis 60 Mitglieder des ehemaligen gefürchteten rumänischen Geheimdienstes Securitate in Duisburg und Umgebung, die die Strippen ziehen - organisierte Einbrüche, Drogenhandel, Prostitution. Ich muss gestehen: ein sicheres Gefühl schafft das nicht.

Nach der Lektüre habe ich das Gefühl, mir nun ein umfassenderes und vielseitigeres Bild von Duisburg Marxloh machen zu können und die Berichte der Einwohner besser einordnen zu können, die immer wieder an mich herangetragen werden. Doch bei allem Optimismus, den manche Aussagen in diesem Buch zu verbreiten suchten, bleibt bei mir das Bild der Problematik mit den Roma haften, die sich zudem noch stets in riesigen Familiensippen ansiedeln. Wenn man Gast ist, soll man sich auch so benehmen? Wenn das der Maßstab für Integration ist, ist diese Gruppe der Zugezogenen jedenfalls noch weit davon entfernt.

Insgesamt jedenfalls eine durchaus interessante Lektüre...


© Parden













Der Orell Füssli Verlag schreibt über den Autor:


Franz Voll war lange Mitglied im »Team Wallraff«. Der gebürtige Essener ist ein echter »Ruhri«. Als bodenständiger Rechercheur ohne Berührungsängste und Mitinhaber einer Produktionsgesellschaft für Fernsehdokumentationen arbeitet er bundesweit vor allem an sozialpolitischen Themen.

übernommen vom Orell Füssli Verlag

Samstag, 18. November 2017

Erdrich, Louise: Das Haus des Windes


Ein altes Haus, eine ungesühnte Schuld und die Brüste von Tante Sonja – Louise Erdrich, liebevolle Chronistin der amerikanischen Ureinwohner, führt uns nach North Dakota. Im Zentrum ihres gefeierten Romans steht der 14jährige Joe, der ein brutales Verbrechen an seiner Mutter rächt und dabei zum Mann wird.

Im Sommer 1988 wird die Mutter des 14-jährigen Joe Coutts Opfer eines brutalen Verbrechens. Sie schließt sich in ihrem Zimmer ein und verweigert die Aussage. Vater und Sohn wissen nicht, wie sie sie zurück ins Leben holen können. Da sich der Überfall auf der Nahtstelle dreier Territorien ereignet hat, sind drei Behörden mit den Ermittlungen befasst. Selbst Joes Vater sind als Stammesrichter die Hände gebunden. So beschließt Joe, den Gewalttäter selbst zu finden. Mit seinen Freunden Cappy, Angus und Zack unternimmt er teils halsbrecherische, teils urkomische Ermittlungsversuche. Bei seiner aufreizenden Tante und im Kreis katholischer Pfadfinderinnen begegnet er der Liebe – und in alten Akten dem Schlüssel des Verbrechens.

(Klappentext Aufbau Verlag)


  • Taschenbuch: 384 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 2 (14. Januar 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Gesine Schröder
  • ISBN-10: 3746631505
  • ISBN-13: 978-3746631509
  • Originaltitel: The Round House










THE ROUND HOUSE...



Der englische Titel dieser Rezension ist gleichzeitig der Originaltitel des Buches und hätte mir wohl eher als der schmal gehaltene Klappentext verdeutlicht, dass dieser Roman in einem Indianerreservat spielt. So hat mich die Lektüre anfangs doch überrascht, aber auch schnell hineingezogen in das Geschehen.

Der 13-jährige Joe Coutts steht im Mittelpunkt der Handlung, und das Geschehen wird allein aus seiner Sicht erzählt. Er lebt mit seinen Eltern in einem Indianerreservat in North Dakota, einem der am dünnsten besiedelten amerikanischen Bundesstaaten, und gehört wie seine Eltern dem Stamm der Ojibwe an. Joes Vater arbeitet als Richter im Reservat, seine Mutter arbeitet im Stammesbüro. In einem Safe, dessen Code nur sie besitzt, bewahrt sie kompliziert verästelte Stammesregister auf. Sie kennt jedermanns Geheimnisse und weiß von Kindern, die durch Inzest, Vergewaltigung oder Ehebruch jenseits oder innerhalb der Grenzen des Reservats gezeugt wurden.

Eines Tages kommt Geraldine, Joes Mutter, sehr verstört nach Hause. Sie bleibt hinter dem Steuer sitzen und macht die Tür ihres Autos nicht auf. Als Joes Vater die Autotür öffnet, sieht er das Blut auf dem Fahrersitz. Und ihr grün und blau geprügeltes Gesicht. So beginnt ein Kriminalfall, der viel komplizierter und komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Zum einen zieht sich Joes Mutter in ihr Schlafzimmer zurück, verweigert die Aussage und verfällt in ein dumpfes, brütendes Schweigen, das Joe und seinen Vater in Angst und Schrecken versetzt. Zum anderen gehört das Stück Land, auf dem das Verbrechen verübt wurde, weder zum Indianerresrvat noch zum amerikanischen Bundesgebiet - es handelt sich um rechtliches Niemandsland, und obgleich drei Behörden mit den Ermittlungen beginnen, kann letztlich keine Anklage erhoben werden. Auch Joes Vater als Stammesrichter sind die Hände gebunden.


"Ich stand da und spürte die enorme Stille in unserem kleinen Haus wie die Folge einer gewaltigen Explosion. Alles war zum Stillstand gekommen. Selbst das Ticken der Uhr (...) Ich stand da und starrte auf die alte Uhr, deren Zeiger bedeutungslos auf 11:22 stehengeblieben waren. Sonnenlicht fiel in goldenen Pfützen auf den Küchenboden, aber es war ein unheimliches Leuchten, wie die blendenden Strahlen hinter einer Wolke am westlichen Horizont. Grauen packte mich wie ein Trancezustand, wie der Geschmack von Tod und saurer Milch." (S. 32)


So beschließt der 13-jährige Joe, den Gewalttäter selbst zu finden. Mit seinen Freunden Cappy, Angus und Zack unternimmt er teils halsbrecherische, teils urkomische Ermittlungsversuche, beginnend bei dem Rundhaus, wo das Verbrechen geschah. Und steht schließlich vor einer schwerwiegenden Entscheidung...

Was für ein Roman! Er liest sich streckenweise wie ein Krimi, doch die Coming-of-Age-Geschichte des Erzählers dominiert. Joe ist ein Junge, der begeistert Rad fährt, für 'Star Trek – Die nächste Generation' schwärmt (die Erzählung spielt im Jahr 1988) und seinen Kummer ansonsten sehr gut vor der Welt versteckt. Auch entdeckt er die Liebe und seine erwachende Sexualität. Wie Joe mit seinen Freunden der Wahrheit nachspürt, Verwandte besucht und tief in die mythische, übernatürliche Welt seiner indianischen Vorfahren eintaucht, ist wahrhaft anschaulich, der jugendlichen Perspektive entsprechend authentisch und oftmals hochkomisch beschrieben – so, wenn es um die Powwow-Montur von Großvater Randall geht: Die Federn an seinem Kopfputz wurden mit Autoantennen stabilisiert, und die Fußglöckchen hängen an einem mit Hirschleder bedeckten, elastischen Strumpfhalter irgendeiner Tante. Die amerikanische Ureinwohner sind keine hehren Gestalten, und die Alten erscheinen im Gegensatz zum gängigen Klischee nicht als Söhne der Weisheit und des Leidens, sondern als kräftige, zähe, sehr irdische Gestalten, die mit Vorliebe schmutzige Anekdoten erzählen. Die Indianer in diesem (fiktiven) Reservat lieben, sie haben Laster, sie suchen nach dem Sinn des Lebens und verlangen Gerechtigkeit.


"Ich weiß, dass die Welt über dem Highway 5 und jenseits davon weitergeht, aber wenn man dort entlangfährt - vier Jungs, ein Auto, und alles ist so friedlich und Meile für Meile so leer, und der Radioempfang hört auf, und da sind nur noch Rauschen und der Klang der Stimmen  und der Wind, wenn man den Arm zum Fenster rausstreckt -, dann fühlt man sich, als balancierte man auf dem Rand des Universums." (S. 377)


'Das Haus des Windes' ist ein großartig erzähltes, realistisches, hochspannendes Buch über den indianischen Alltag im Reservat, über Identität, Traditionen und überlieferte Mythen. Es ist auch eine Coming-of-Age-Erzählung, ein Krimi, sowie eine politische Anklageschrift über die immer noch vorhandene Rechtlosigkeit der Ureinwohner Nordamerikas: Indianernationen haben keinerlei Souveränität über Nichtindianer, die sich in ihren Reservaten aufhalten, und können sie im Falle eines Verbrechens nicht belangen.

Eine gelungene Mischung, die Louise Erdrich hier präsentiert und zu einer deftig-traurig-komisch-packenden Geschichte verwebt. Tief eingetaucht bin ich in die Erzählung und kann hier nur eine unbedingte Leseempfehlung geben. Dieser Roman, der mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, gehört in jedem Fall zu meinen Jahreshighlights.


© Parden













Der Aufbau Verlag schreibt über die Autorin:

Louise Erdrich, geb. 1954 als Tochter einer Indianerin und eines Deutsch-Amerikaners, ist eine der erfolgreichsten amerikanischen Gegenwartsautorinnen. Ihre Lyrikbände, Kinderbücher und zahlreichen Romane, darunter Weltbestseller wie Die Antilopenfrau, Die Rübenkönigin und Der Club der singenden Metzger, wurden vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den National Book Award für „Das Haus des Windes“, den PEN/Saul Bellow Award und den Library of Congress Prize. Erdrich lebt in Minnesota und ist Inhaberin der Buchhandlung Birchbark Books. Im Aufbau Verlag sind ihre Romane „Das Haus des Windes“, „Die Rübenkönigin“, „Der Klang der Trommel“ lieferbar.

übernommen vom Aufbau Verlag

Freitag, 17. November 2017

Adiga, Aravind: Der weiße Tiger - Hörbuch

Balram – der „weiße Tiger“ – lebt in einem Dorf im Herzen Indiens. Der kluge, aber arme Junge hat keine Chance auf Aufstieg, bis er als Fahrer eines reichen Mannes nach Delhi kommt. Fasziniert beobachtet er, wie seinesgleichen, die Diener, vor allem aber ihre reichen Herren auf Jagd nach Alkohol, Mädchen und Macht gehen. Schnell ist sein Ziel klar: die Flucht aus dem Sklavendasein und hinein in ein freies Leben – auch wenn dieser Weg über Leichen führt. Eine amoralische Geschichte, anrührend und ohne jeden falschen Bollywood-Glamour.

(Klappentext Der Audio Verlag)


  • Spieldauer: 6 Stunden und 34 Minuten
  • Format: Hörbuch-Download
  • Version: Gekürzte Ausgabe
  • Verlag: Der Audio Verlag
  • Sprecher: Jens Wawrczeck
  • Audible.de Erscheinungsdatum: 16. Juli 2009
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Ingo Herzke 
  • Originaltitel: The White Tiger
  • ASIN: B002TVWDJY












WHAT A FUCKING JOKE...



Als Balram erfährt, dass der Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten in Indien geplant ist, beschließt er diesem einen langen Brief zu schreiben, damit der Eindruck vom Leben in Indien ein wahrer wird und nicht etwa von dem geschönten Protokoll für Staatsbesuche gezeichnet ist. Da Balram viel zu erzählen hat, wird es ein langer Brief, an dem er sieben Tage lang schreibt. Und dieser Brief umfasst letztlich auch den gesamten Roman.


"Offenbar sind Sie in China uns in jeder Hinsicht weit voraus, abgesehen von der Tatsache, dass Sie keine Unternehmer haben. Wohingegen unsere Nation zwar weder über Straßen noch über Trinkwasser, Strom, Kanalisation, öffentlichen Verkehr, einen Sinn für Hygiene, Disziplin, Höflichkeit oder Pünktlichkeit verfügt, aber über Tausende und Abertausende Unternehmer. Vor allem im Bereich Technologien. Diese Unternehmer – wir Unternehmer – haben Tausende von Outsourcing-Unternehmen gegründet, die inzwischen im Grunde ganz Amerika am Laufen halten."


Wer schon immer etwas über das Leben in Indien abseits der Bollywood-Welt wissen wollte, der ist bei diesem Debüt von Aravind Adiga genau richtig. Rückblickend wird hier der Aufstieg Balram Halwais aus großer ländlicher Armut zum verhältnismäßig wohlhabenden Besitzer eines Taxi-Unternehmens geschildert. Allerdings muss man darauf gefasst sein, hier schöpfkellenweise den Dreck auf den Teller geklatscht zu bekommen, und manchesmal erscheint die scharf gewürzte Mischung aus bitterbösen und schockierenden Szenen, Sarkasmus und schonungslosen Schilderungen allzu beklemmend und unverdaulich.


"Die Gefängnisse von Delhi sind voll von Fahrern, die dort hinter Gittern sitzen, weil sie die Schuld für ihre so guten und so soliden Mittelklasse-Herren übernommen haben. Wir mögen die Dörfer verlassen haben, aber unsere Herren besitzen uns noch – Körper, Seele und Arsch. […] Die Richter? Durchschauen sie diese so offensichtlich erzwungenen Geständnisse nicht? Aber sie sind doch selbst Teil der Betrügerei. Sie nehmen ihr Bestechungsgeld und überschauen die Unstimmigkeiten in dem Fall. Und das Leben geht weiter. Für jeden außer dem Fahrer."


Balram wird seit seiner Kindheit 'weißer Tiger' genannt, weil er seinerzeit dem Schulinspektor bei dessen Visite wegen seiner Klugheit gleich aufgefallen ist - was in Bangalore ebenso selten scheint wie ein weißer Tiger im Dschungel. Gerne schmückt sich Balram zeitlebens mit diesem Beinamen, macht er ihn doch zu etwas Besonderem - und eben das möchte Balram sein. Die Aussichten, in der Tradition seiner Kaste zu leben, der Kaste der Zuckerbäcker, allen anderen gegenüber unterwürfig, auch den Frauen der Familie, und neben harter Arbeit nur die Aussicht auf einen frühen Tod zu haben, behagen Balram gar nicht.

Geschickt nutzt er seine Klugheit, um erst an Wissen zu gelangen und schließlich das Spiel mitzuspielen. Als Diener im Teehaus bleibt er oftmals lange in der Nähe der Tische und belauscht die Gespräche der Gäste. So erfährt er einiges darüber, wie Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in Indien funktionieren und beschließt, sich dieses Wissen zunutze zu machen. Er wird Fahrer bei einem reichen Herrn und bekommt bald auch Einblick in dessen Geschäfte. Obwohl er seinem Herrn gegenüber eine große Loyalität verspürt, weiß Balram, dass es nur einen Weg für ihn geben kann, um aus dem ewigen 'Hühnerkäfig' auszubrechen.


"Alles was ich wollte war die Chance, ein Mann zu sein und dafür war ein Mord ausreichend."


So enttarnt Balram Halwai in seinem Brief sukzessive eine durch und durch korrupte Gesellschaft, die empörende Scheindemokratie Indiens, das zerrüttete Rechtssystem und die zynische Arroganz der Reichen, die ihr Vieh besser behandeln als ihre Dienerschaft. Es ist ein Buch, das die Augen öffnet. In jeder Hinsicht. Die Vielschichtigkeit der Geschichte, die hier nur angerissen werden kann (allein schon die Idee, diese Offenbarung von Indiens Korruptheit - gerade auch unter den Politikern - ausgerechnet an den chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao zu richten...), beschäftigt einen lange.

Jens Wawrczeck (bekannt u.a. durch die Hörpsielserie Die Drei ???)  liest das 6 h 34 min lange Hörbuch gekonnt souverän und passt sich in seinem Vortrag hervorragend dem von Zynismus und Sarkasmus triefenden Text an.

Das Debüt erhielt gleich in dem Jahr seines Erscheinens den renommierten Man Booker Prize (2008).

Die Kombination der lockeren Erzählart mit kritischen Überlegungen zu Gesellschaft, Leben und Kultur in Indien verleihen dem Roman bei allem schwarzen Humor auch etwas Bissiges. Für mich eine überraschende Entdeckung!


© Parden















Der Audio Verlag schreibt über den Autor:

Der indische Schriftsteller und Journalist Aravind Adiga wurde 1974 im südindischen Chennai (früher: Madras) geboren und wuchs in der Hafenstadt Mangaluru am Arabischen Meer auf, wo er das katholische St. Aloysius College besuchte. Im Alter von 16 Jahren zog er mit seiner Familie nach Sydney, zwei Jahre darauf verstarb seine Mutter. Als Sohn eines Arztes kam Adiga in den Genuss einer guten Ausbildung, er studierte englische Literatur, Ökonomie und Philosophie an der Columbia University in New York und am Magdalen College in Oxford. Zurück in Indien arbeitete er als Finanzjournalist für die Financial Times und als Südasien-Korrespondent für das Time Magazine. Seine Festanstellung bei dem New Yorker Magazin tauschte er nach drei Jahren gegen eine freie Mitarbeit ein, um mehr Zeit zum Schreiben eigener Texte zu haben. Für seinen Debütroman »Der weiße Tiger« erhielt er 2008 den renommierten englischen »Man Booker Prize« (als vierter indischer Preisträger nach Salman Rushdie, Arundhati Roy und Kiran Desai) und 2009 den italienischen »Premio Cavour«. Die langen Jahre im Ausland haben Adigas Blick auf die indischen Verhältnisse geschärft. So ist er in kürzester Zeit zu einer der wichtigsten Stimmen Indiens avanciert. Aravind Adiga lebt in Mumbai.

übernommen von Der Audio Verlag



Der Audio Verlag schreibt über den Sprecher:

Jens Wawrczeck, geboren in Nyköbing (Dänemark). Erste Hörspielerfahrungen mit elf Jahren in Astrid Lindgrens „Brüder Löwenherz“. Schauspielausbildung in Hamburg, Wien und New York. Seit 1990 an verschiedenen Theatern in New York, Hamburg und Berlin. Mitwirkung in zahlreichen Hörspielproduktionen. Einem breiten Publikum wurde Wawrczeck durch seine Rolle als Peter Shaw in der Hörspielserie »Die drei ???« bekannt. Wawrczeck ist zudem die Synchronstimme von Spence Olchin in der Fernsehserie King of Queens. Außerdem ist Jens Wawrczeck als Dialogregisseur und Dialogbuchautor tätig und veröffentlichte 2007 eine Sammlung von Hans-Christian Andersen Märchen »Sieben Märchen« und 2008 »Die schlafende Schöne« bei denen er als Sprecher mitwirkt.

übernommen von Der Audio Verlag

Mittwoch, 15. November 2017

Claudel, Philippe: Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens


Nachdem er von einer Reise nach Paris zurückgekehrt ist, erfährt der Erzähler, ein fünfzigjähriger Filmemacher, von der Krebserkrankung seines besten Freundes Eugène. Der lebenslustige Filmproduzent, der mit fünf verschiedenen Frauen fünf Kinder hat und alle Bücher, die er liest, verschenkt oder in Cafés liegen lässt, weil er der Ansicht ist, dass »Bücher zirkulieren müssen wie die Welt«, fegt die Krankheit mit einer Handbewegung zur Seite.

Doch bald zeigt sich, dass sein Krebs kein »Amateur« ist, sondern leider ein »Profi«. Der Abschied von Eugène, mit dem er sich zutiefst verbunden fühlt, wird für den Erzähler zum Anlass, über die wichtigen Fragen des Lebens nachzudenken. Er selbst steht gerade an einem Wendepunkt – der freundschaftlich-nostalgischen Trennung von seiner Ex-Frau Florence, die »gern einen Ehemann gehabt hätte und keinen Luftzug«, und der Begegnung mit der jungen Anthropologin Elena, deren Küsse nach Orangen schmecken.

Zwischen zwei außergewöhnlichen Frauen, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen der Erinnerung an geliebte Gesichter und dem Licht unerwarteter Begegnungen, entspinnt sich eine Geschichte, die wahrhaftig ist und anrührend und an deren Ende das Versprechen des Lebens steht.

(Klappentext Thiele Verlag)
  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag (16. August 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Christiane Landgrebe
  • ISBN-10: 385179379X
  • ISBN-13: 978-3851793796
  • Originaltitel: L'arbre du pays Toraja










TOD UND LEBEN...



"Unter all den Nachrichten auf dem Anrufbeantworter fand ich die von Eugène: ›Du wirst lachen‹, sagte er, ›ich habe einen bösen Krebs.‹ Ich habe natürlich nicht gelacht, gebe aber zu, dass ich lächeln musste. Aus Kummer vermutlich. Oder aus Traurigkeit." (S. 13 f.)


Zugegeben, dieser Roman ist anders, als ich es zunächst erwartet hatte. Nach dem Klappentext vermutete ich, etwas über die monatelange Begleitung Eugènes bis zu dessen Tod zu lesen, doch erweist sich dieser Tod hier nur als Stein des Anstoßes. Des Anstoßes zu einer tiefsinnigen Gedankenreise des bis zum Schluss namenlosen Erzählers - mit Einblicken in sein Leben, sein Schaffen, seine Gefühlswelt. Ähnlich wie Filmeinblendungen reihen sich auch hier einzelne Szenen aneinander, oft ohne einen direkten Bezug zueinander, aber aufgereiht wie Perlen auf einer kostbaren Kette doch ein großes Ganzes ergebend.


"Wann werden wir schwer krank? Wenn alles gut geht oder wenn es schlecht läuft? In der Monotonie der immer gleichen Tage? Oder bei Deregulierung, wenn das immer gleiche Alltägliche durchbrochen wird? Brechen Krankheiten (...) aus, weil bisher unbekannte Umstände eintreten, die uns aus dem Gleichgewicht bringen? Oder wegen eines unausgesprochenenen Wunsches, dass etwas geschehen möge?" (S. 46)


Ein melancholischer Ton durchzieht die Erzählung, und doch wird sie nicht von Schwermut beherrscht. Nicht die eine Krankheit, der eine Tod, die eine Betroffenheit steht hier im Mittelpunkt. Sondern die Summe der bisherigen Erlebnisse des Erzählers mit dem Tod und darüber hinaus auch zahlreiche philosophische Passagen, die Fragen beinhalten, die ich mir auch schon gestellt habe. Eine sensible und außergewöhnliche Auseinandersetzung mit dem Thema Tod, die viele verschiedene Aspekte beleuchtet - und gleichzeitig damit auch das Leben.


"Viele Gesichter kannte ich nicht. Auf Beerdigungen ist mir oft schon aufgefallen, dass der Verstorbene mehrere unterschiedliche Leben geführt hat, die ihren Lauf genommen haben, ohne jemals miteinander in Berührung zu kommen. Manchmal glaubt man, der Einzige zu sein, der jemanden trifft, mit ihm Zeit verbringt, ihn kennt. Sein Tod jedoch konfrontiert uns mit der Vielseitigkeit dieser Person." (S. 105 f.)


Philippe Claudel, selbst Jahrgang 1962, ist etwa im selben Alter wie der namenlose Erzähler, und neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller ist er ebenso wie der Hauptcharakter des Romans auch Filmregisseur. Mehrfach tauchte daher beim Lesen die Frage auf, wie viele autobiografische Anteile hier eingeflossen sind. Vermutlich kann jeder beim Lesen etwas anderes für sich aus dem Roman ziehen - und je nach Lebensabschnitt hätte ich diese Lektüre vermutlich auch anders empfunden. Da ich in einem ähnlichen Alter bin wie der Erzähler, hat mich vieles von dem berührt, was hier an Gedanken angestoßen wird, und in vielen Passagen habe ich mich wiedergefunden. Das macht den Roman für mich zu etwas ganz Besonderem.

Ein Buch der leisen Töne und der großen Gedanken - Tod und Leben, zwei Pole unseres Daseins, verpackt in einen wundervollen Roman...


© Parden













Der Thiele Verlag schreibt über den Autor:

Philippe Claudel gilt als einer der wichtigsten Autoren Frankreichs. 1962 in Dombasle in Lothringen geboren, wo er auch heute noch als Schriftsteller und Filmemacher lebt, gelang ihm 2004 mit Die grauen Seelen ein sensationeller Durchbruch. Seine Bücher und Erzählungen wurden in über 25 Sprachen übersetzt. Claudels neuer Roman Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens stand wochenlang  auf der Bestsellerliste und verkaufte sich allein in Frankreich über 50.000 Mal.

übernommen vom Thiele Verlag